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Das Still-Syndrom des Erwachsenen ist eine seltene autoinflammatorische Erkrankung. AOSD steht für den englischen Begriff „Adult-onset Still’s disease“. Weitere Bezeichnungen für die Erkrankung sind Adulter Morbus Still und Morbus Still des Erwachsenen.
Der Beginn der Erkrankung liegt oft zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr [1, 2]. Es werden jedoch für den Krankheitsbeginn auch zwei Altersgipfel zwischen 15 und 25 Jahren sowie zwischen 36 und 46 Jahren beobachtet [3]. Weniger als 10 % der Patienten sind bei Krankheitsbeginn älter als 50 Jahre [3].

Zuerst wurde diese Erkrankung allerdings bei Kindern beschrieben. Bei ihnen wird der Morbus Still als SJIA (systemische juvenile idiopathische Arthritis) bezeichnet.

Nach heutigem Wissenstand geht man davon aus, dass der Morbus Still des Erwachsenen und die SJIA dieselbe Erkrankung sind [4, 7‐9]. Die genauen Ursachen der Erkrankungen sind bisher nicht bekannt. Es gibt aber Hinweise auf bestimmte Auslöser (Trigger) und die Beteiligung genetischer Faktoren [4].

Häufigkeit des Morbus Still des Erwachsenen

Der Morbus Still des Erwachsenen tritt weltweit auf. Genaue Zahlen zur Häufigkeit fehlen bisher [9]. Nach Schätzungen erkrankt weniger als 1 Mensch pro 100.000 Einwohner an AOSD, aber die Dunkelziffer ist wahrscheinlich deutlich höher [1]. Frauen und Männer erkranken etwa gleich häufig an AOSD. Allerdings leiden mehr Frauen an Gelenkbeschwerden als Männer [4, 5].

Beschwerden beim Morbus Still des Erwachsenen

Die Erkrankung betrifft den gesamten Körper, dies wird in der medizinischen Fachsprache als „systemisch“ bezeichnet. Typischerweise kommen drei Symptome zusammen vor: Fieberschübe, Gelenkschmerzen und Hautausschlag [5]. Aber es können noch andere Beschwerden auftreten.

Die folgenden Beschwerden werden beim Morbus Still des Erwachsenen häufig beobachtet:

  • Fieberschübe mit mehr als 39° C treten bei 60 bis 100 % der Patienten auf [4]. Meist wird ein Fieberschub gegen Abend beobachtet, die Temperatur ist am nächsten Morgen wieder normal. Gelegentlich können auch zwei Fieberschübe pro Tag vorkommen, und bei 20 % der Patienten bleibt die Temperatur erhöht [8]. Die Fieberschübe können sich bereits Monate vor den anderen Beschwerden zeigen [1, 4].
  • 60 bis 100 % der Patienten entwickeln einen fein-fleckigen, lachsfarbenen und teilweise leicht erhabenen Hautausschlag gleichzeitig mit dem Fieberschub, meist am Rumpf sowie an Oberarmen und Oberschenkeln [4]. Dieser Hautausschlag kann aber auch im Gesicht vorkommen. Bei einem Drittel der Patienten ist der Ausschlag mit einem leichten Juckreiz verbunden und entsteht im Bereich von Reizungen/Verletzungen oder Druckstellen der Haut (Köbner-Phänomen) [8].
  • Gelenkschmerzen sind in 70 bis 90 % der Fälle vorhanden [4]. Oft gehen die Gelenkschmerzen ohne sichtbare Gelenkschwellungen einher, dabei sind vorwiegend die Hand-, Ellbogen-, Sprung- und Knie-Gelenke, seltener die Fingergelenke, schmerzhaft [1, 4].
  • Bei vielen Patienten bestehen zu Beginn der Erkrankung Anzeichen einer starken und anhaltenden Rachenentzündung [1, 8, 9]. In rund 70 % der Fälle ist die Rachenentzündung ein Frühsymptom [4].

Auch andere Symptome können bei AOSD vorkommen. Hierzu zählen beispielsweise Muskelschmerzen, vergrößerte Lymphknoten sowie Bauchschmerzen und Gewichtsverlust [4, 5, 8].

Ebenso können beim Morbus Still des Erwachsenen verschiedene innere Organe in Mitleidenschaft gezogen werden, wie beispielweise die Leber, die Milz, das Herz und die Lunge [3, 9]. In sehr seltenen Fällen sind die Nieren, das Gehirn und die Augen betroffen [1, 4, 8]. Eine weitere Auffälligkeit ist auch der Anstieg der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) im Blut [9].

Grafik Krankheitsmerkmale beim Morbus Still des Erwachsenen
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Mögliche Krankheitsmerkmale beim Morbus Still des Erwachsenen (AOSD, mod. nach [1, 4, 5, 8])

Mögliche Komplikationen des Morbus Still des Erwachsenen sind die pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH), das Makrophagen-Aktivierungssyndrom (MAS), die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC), die thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP), und die diffuse alveoläre Hämorrhagie (DAH) [7].

  • Die pulmonal-arterielle Hypertonie (PAH) – auch Lungenhochdruck genannt – kommt bei 30 bis 40 % der an AOSD Erkrankten vor [9]. Bei ihnen besteht ein Bluthochdruck in der Lunge. Ursache sind verengte Blutgefäße in der Lunge. Dies hat einen erhöhten Widerstand der Gefäße und somit einen erhöhten Blutdruck zur Folge. Zu den Anzeichen zählen Husten, Brustschmerzen und Kurzatmigkeit [7].
  • Das Makrophagen-Aktivierungssyndrom (MAS) ist eine schwere Komplikation, die bei etwa 12 bis 14 % der AOSD-Patenten vorkommt [7]. Die Ursache ist eine zu starke Aktivierung des Immunsystems. Dadurch kann es zu Beschwerden wie bei einer Blutvergiftung (Sepsis) kommen – bis hin zum Versagen verschiedener innerer Organe.
  • Die disseminierte intravasale Gerinnung (DIC) ist ebenfalls eine schwere Komplikation, bei der im ganzen Körper verteilt Blutgerinnsel in vielen kleinen Gefäßen entstehen. Ursache ist eine überschießende Reaktion der Blutgerinnung. Die DIC kann in zweifacher Hinsicht problematisch sein. Zum einen wird die Durchblutung der Organe durch die Blutgerinnsel vermindert, was die Organe schädigen kann. Zum anderen werden die Blutplättchen und die Gerinnungsfaktoren im Blut aufgebraucht. Beide sind für die Blutgerinnung bei Verletzungen verantwortlich. Wenn sie fehlen, können lebensbedrohliche Blutungen auftreten [7].
  • Bei der thrombotisch-thrombozytopenischen Purpura (TTP) handelt es sich um eine plötzlich auftretende Fehlregulation des Abwehrsystems. Dabei werden kleine Blutgerinnsel gebildet. Die Folgen können Störungen des Nervensystems aufgrund von Blutgerinnseln im Gehirn sowie Blutungen infolge eines Mangels an Blutplättchen sein [7].
  • Eine Beteiligung der Lunge besteht bei bis zu 53 % der AOSD-Patienten [7]. In diesem Zusammenhang wird in seltenen Fällen auch die diffuse alveoläre Hämorrhagie (DAH) beobachtet. Hierbei kommt es zu diffusen Blutungen im Bereich der Lungenbläschen.

Krankheitsverlauf des Morbus Still des Erwachsenen

Bei AOSD ist der Verlauf der Erkrankung meist schubförmig [5, 8]. Allerdings kann die Erkrankung im Einzelfall ganz unterschiedlich verlaufen:

  • Es gibt Patienten, für die ist ein AOSD-Schub ein einmaliges Ereignis, dies nennt man „monozyklisch“.
  • Manche Patienten haben jedoch immer wieder Schübe, dieser Verlauf wird „polyzyklisch“ genannt.
  • Ein Teil der Patienten haben eine anhaltende Erkrankung, dies nennt man „chronisch“.
Grafik Krankheitsverlauf von AOSD
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Der Krankheitsverlauf von AOSD kann erheblich variieren (mod. nach [8, 10-12]).

Ursachen des Morbus Still des Erwachsenen

Wie bei allen autoinflammatorischen Erkrankungen kommt es zu einer Aktivierung des angeborenen Immunsystems. Bisher ist wenig darüber bekannt, welche(r) Auslöser bei AOSD zu dieser Aktivierung führt bzw. führen.

Infektionen mit Viren oder Bakterien scheinen ein möglicher Auslöser (Trigger) für den Erkrankungsbeginn zu sein. Hierfür kommen beispielsweise Erreger der folgenden Infektionskrankheiten in Frage: Röteln, Pfeiffersches Drüsenfieber, Mumps, Magen-Darm-Infektionen und andere Erkrankungen [4]. Ein direkter Zusammenhang zwischen einer Infektion und dem Beginn der AOSD lässt sich schwer feststellen, denn zum Zeitpunkt des Ausbruchs der AOSD sind die Krankheitserreger nicht mehr nachzuweisen [4].

Auf der Suche nach den Ursachen der Erkrankung wurde auch untersucht, ob die Erkrankung eine genetische Ursache hat. Doch bisher lässt sich nicht belegen, dass ein einziges Gen dafür verantwortlich ist [4, 9]. Derzeit geht man davon aus, dass mehrere Faktoren zusammen kommen müssen, damit ein Morbus Still des Erwachsenen entsteht.

Sicher ist heute: Der Morbus Still des Erwachsenen ist eine Erkrankung eines Teils des Immunsystems, über seine Auslöser ist noch wenig bekannt. Man konnte außerdem zeigen, dass die Botenstoffe Interleukin 1 (IL-1), Interleukin 6 (IL-6), Interleukin 8 (IL-8) und Interleukin 18 (IL-18) eine wichtige Rolle für die entzündlichen Vorgänge im Körper spielen [4, 6].

Stand: 23.05.2017

Autor: Dr. Ruth Wissler

Quellen:

  1. Morbus Still (Stil-Syndrom des Erwachsenenalters). Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e. V. 3. Auflage 2013. http://www.rheuma-liga.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Mediencenter/Publikationen/Merkblaetter/3.9_Morbus_Still.pdf (zuletzt besucht am 09.11.2018).
  2. Cozzi A, Papagrigoraki A, Domenico Biasi D et al.: Cutaneous manifestations of adult-onset Still’s disease: a case report and review of literature. Clin Rheumatol 2014. DOI 10.1007/s10067-014-2614-2.
  3. Baerlecken NT, Schmidt RE: Adulter Morbus Still, Fieber, Diagnose und Therapie. Z Rheumatol 2012; 71: 174-180.
  4. Gerfaud-Valentin M, Jamilloux Y, Iwaz J et al.: Adult-onset Still’s disease. Autoimmun Rev 2014; 13: 708-222.
  5. Jamilloux Y, Gerfaud-Valentin M, Martinon F et al.: Pathogenesis of adult-onset Still’s disease: new insights from the juvenile counterpart. Immunol Res 2015; 61: 53–62.
  6. Nirmala N, Brachat A, Feist E et al.: Gene-expression analysis of adult-onset Still’s disease and systemic juvenile idiopathic arthritis is consistent with a continuum of a single disease entity. Pediatr Rheumatol Online J 2015; 13: 50.
  7. Efthimiou P, Kadavath S, Mehta B: Life-threatening complications of adult-onset Still’s disease. Clin Rheumatol 2014; 33: 305–314.
  8. Lichauco JJ, Sinha J, Barland P: Adult Onset Still’s Disease. http://www.stillsdisease.org/index.php/stills-relatedarticlesinfo/adult-onset-stills-disease/ (zuletzt besucht am 09.11.2018).
  9. Mahfoudhi M, Gorsane I, Shimi R et al.: Adult Onset Still’s Disease. Int J Clin Med, 2015; 6: 716-724.
  10. Pay S, Türkcapar N, Kalyoncu M et al.: A multicenter study of patients with adult-onset Still’s disease compared with systemic juvenile idiopathic arthritis. Clin Rheumatol 2006; 25: 639–44.
  11. Han JH, Suh CH, Jung JY et al.: Association of CXCL10 and CXCL13 levels with disease activity and cutaneous manifestation in active adult-onset Still’s disease. Arthritis ResTher 2015; 17: 260.
  12. Kadavath S, Efthimiou P: Adult-onset Still’s disease-pathogenesis, clinical manifestations, and new treatment options. Ann Med 2015; 47: 6–14.